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Lieblingsbuecher

 

ImageDiejenigen, die nur Hochkultur in ihrem Bücherregal stehen haben, habe ich immer gehasst. Es gibt eine ganze Menge Menschen, die in ihrem Wohnzimmer nur Thomas Mann, Herrmann Hesse, Marcel Proust und Konsorten dulden. Am besten nach Farben geordnet. Wie sympathisch ist es dagegen, wenn direkt neben Goethes »Faust« eine zerlesene Ausgabe von »Hanni und Nanni« steht! Vielen ist so etwas peinlich, also landen unsere Jugendsünden im Keller, oder noch schlimmer: im Altpapier.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem ominösen »Lieblingsbuch«, zu dem man in unzähligen Fragebögen Auskunft geben soll. Offenbar muss jeder auf Kommando ein Lieblingslied, einen Lieblingsfilm und ein Lieblingsbuch parat haben. Gleich nach der Lieblingsfarbe und der Lieblingsjahreszeit. Natürlich möchte man einen guten Eindruck machen, also gibt man eher »Die Liebe in den Zeiten der Cholera« an, statt »Jerry Cotton: Süßer Tod und kalte Leichen« (Sonder-Edition 43). Viele von uns wären jedoch nie auf Gabriel García Márquez gestoßen, wenn sie nicht mit dem G-Man angefangen hätten. Was ist also ein Lieblingsbuch? Ein Buch, das man bewundert oder ein Buch, das man heiß und innig liebt?

Ein Lieblingsbuch sollte uns idealerweise durchs ganze Leben begleiten. Ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann und das uns in jeder Phase unserer Existenz etwas Neues vermittelt. Zumindest ist das die Theorie. Vielleicht ist das Lieblingsbuch auch nur ein Wälzer, der uns irgendwann einfach umgehauen hat. In diesem Fall hätte ich gleich mehrere Vorschläge.

 

»DIE FAULE MAUS« UND »PUFF-PATA-PUFF«

 

Eines meiner schönsten Leseerlebnisse hatte ich im zarten Alter von sieben Jahren. Es war ein Titel, der heute vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Selbst bei amazon ist kein Exemplar lieferbar. Es handelt sich um »Die faule Maus« von Marjorie Flack und Cyndy Szekeres. »Die faule Maus« schaffte es spielend, meine bisherigen Favoriten »Puff-pata-puff« und »Das kleine alte Auto« in den Schatten zu stellen. Besonders toll fand ich die Illustrationen, auf denen man detailliert die Behausung der Mäusefamilie studieren konnte. Und auch eine Botschaft gab es. Klar, dass die faule Maus spätestens auf der letzten Seite dem Lotterleben entsagte, um das ihrige zum Bruttosozialprodukt beizutragen. In jeder Hinsicht ein prägendes Leseerlebnis.

In meiner Grundschulzeit waren Bilder mindestens so wichtig, wie die Geschichte, die erzählt wurde. Daher kam das nächste große Leseerlebnis in Form einer Ausgabe der »Fantastischen Vier« (Hit Comics, Nummer 238) von Stan Lee und John Buscema. Zugegebenermaßen kein Buch wie »Die faule Maus«, aber nicht minder prägend. »Jetzt kommt der Super-Geist« lautete der reißerische Titel der Hauptgeschichte. Als Zugabe gab es »Thor: Sklave des Zarrko, dem Mann von Morgen«, ebenfalls von Stan Lee, mit Zeichnungen von Jack Kirby. Es war der mittlere Teil einer längeren Fortsetzungsgeschichte, daher hatte ich nicht die geringste Ahnung, was zur Hölle vor sich ging. Dem Lesespaß tat das keinen Abbruch. Alles sah verdammt aufregend aus. Europäische Comichelden wie »Tim und Struppi« wirkten langweilig dagegen.

Obwohl ich damals stapelweise Comics verschlang, hatte ich es mit dem Lesen nicht so, denn »richtige« Bücher sahen zu sehr nach Arbeit aus. Jede Menge Buchstaben und keine Bilder. Zum Glück hatte ich eine große Schwester, die mir jeden Abend vorlas. Durch sie lernte ich Jules Verne, Karl May, P. L. Travers, Enid Blyton und Carolyn Keene (= ein sogenanntes Sammelpseudonym) kennen.

 

»BUK« WUSSTE WIE DER HASE LÄUFT

 

In der Pubertät begann die Zeit, in der ich meine Bücher selbst lesen musste. Den Anfang machten die Fantasy-Romane von Robert E. Howard, auf den ich durch seine Serie »Conan« stieß. Das Buch »Kull von Atlantis« (Terra Fantasy, Band 28) war mein erklärter Favorit, da es neben vieler Schlachten auch eine Menge philosophischer Ansätze gab. Kull, ein Außenseiter, war – wenn er nicht gerade jemanden den Schädel einschlug – ein introvertierter Grübler, ganz wie ich. Frauen waren entweder böse Hexen oder dekoratives Beiwerk. Hätte man mich damals nach meinen Lieblingsbuch gefragt, wäre meine Wahl klar gewesen. Auch wenn Howards Bücher von großgewachsenen harten Kerlen handelten, war er selbst ein pummeliges Muttersöhnchen, das sich im Alter von nur 30 Jahren eine Kugel in den Kopf schoss, als seine alte Dame im Sterben lag.

Vor einigen Jahren erfuhr ich, dass auch Michel Houellebecq ein großer Verehrer des Howardschen Œuvres ist. Gerade in Hinblick auf sein Frauenbild nicht uninteressant.

Wie jeder pubertierende Jüngling meiner Generation entdeckte ich irgendwann Charles Bukowski. »Buk« wusste wie der Hase läuft. Die Welt war so schlecht, dass sie nur im Vollrausch zu ertragen war, und etwas liebloser Sex war das Beste, was man von ihr zu erhoffen hatte. »Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend« hielt ich damals für große Literatur. Zumindest ein paar Jahre lang. Heute macht mich Bukowski eher traurig. Er war ein Hochsensibler, dem von einer brutalen Umwelt jede Lebensfreude ausgetrieben wurde. Der Schriftsteller als geprügelter Hund.

Etwas anders war da »Der Fänger im Roggen«. Wahrscheinlich hätte ich J. D. Salingers Kult-Roman nie gelesen, wenn ihn nicht etliche Menschen, die ich respektierte, als ihr Lieblingsbuch angepriesen hätten. Ganz wie Bukowski war Salinger der Meinung, dass die Gesellschaft schlecht war. Allerdings von der Perspektive des gehobenen Bildungsbürgertums aus gesehen. Gerade als Jugendlicher fühlt man sich da verstanden. Nur leider erschöpft sich die Lebensweisheit der Autoren an diesem Punkt. Dass unsere Existenz kein Ponyhof ist und obendrein noch sinnlos erscheint, ist keine weltbewegende Erkenntnis.

Das Traurige ist: Je älter man wird, desto schwerer fällt es einen, sich für ein Buch zu begeistern. Und wenn doch, so ist die Begeisterung oft kurzlebig. Daher trifft man auf so etwas wie Lieblingsbücher wohl eher in der Jugend. »Garp und wie er die Welt sah« war ein weiterer Favorit meiner jungen Jahre. Auch Kurt Vonnegut hat mich eine ganze Weile schwer begeistert – besonders »Schlachthof 5«. Bis ich eines Tages die Originalfassung als Hörbuch in die Hände bekam und merkte, wie schlecht die deutsche Übersetzung ist. Zuletzt war Michael Chabons »Wonder Boys« fast so etwas wie ein Lieblingsbuch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es irgendwann abgelöst wird.

 

ZURÜCK ZU ASTRID LINDGREN

 

Es gibt allerdings auch Bücher, die nahezu perfekt sind und an denen selbst die Zeit sich den Zahn ausbeisst. Als ich vor einigen Jahren »Michel aus Lönneberga« aus dem Regal nahm, um kurz etwas nachzuschlagen, konnte ich es einfach nicht weglegen. Statt eines Absatzes las ich die ganze Geschichte, dann die nächste und schließlich das ganze Buch. Nur wenige Autoren schaffen das. Als Kind waren Michels Abenteuer nur ein paar nette Geschichten. Erst als Erwachsener kann man Astrid Lindgren richtig würdigen. Der sanfte Humor, die Ökonomie der Worte und Lindgrens tiefe Liebe zu den Menschen.

Die meisten Bücher verlieren mit den Jahren. Was gestern Kult war, ist heute oft naiv und unausgegoren. Diese kleinen Schönheitsfehler machen es mir unmöglich, mich auf ein Buch festzulegen. In meiner Bücherwand steht Astrid Lindgren neben Phillip Roth und Carl Barks neben Doris Lessing. Wenn ich auf die vielen Buchrücken blicke, sehe ich den langen Weg, den ich seit meiner Kindheit zurückgelegt habe. Ein Weg voller Irrungen und Wirrungen. Einige Bücher waren mir wichtig, während andere schnell weggelesen wurden. Nur die ganz peinlichen Titel fehlen, denn die liegen (natürlich) im Keller.

Herr Knoedler

 

ImageIch habe mich oft gefragt, was wohl aus Ottheinrich Knödler geworden ist. Jener Herr Knödler, der vor vielen Jahren, gleich nach der »Ziehung der Lottozahlen« und der »Tagesschau«, das »Wort zum Sonntag« sprach. Damals war die Menschheit so labil, dass nach Rudi Carrell und vor dem Spätfilm mit John Wayne akute Seelsorge betrieben werden musste. Es war ein hartes Leben, dass gerade Familienvätern nicht viel bot. Nach der Autowäsche und vorm aktuellen Sportstudio war da ein großes schwarzes Loch, das mit Social Media noch nicht gefüllt werden konnte. Höchstens vielleicht mit Bier.

Ohne Männer wie Ottheinrich Knödler wäre es wahrscheinlich zu Amokläufen und Massenselbstmorden gekommen. Vor allem, wenn Vattern mal wieder im Lotto daneben getippt hätte. Beim Wort zum Sonntag brachten gestandene Pfaffen das Fernsehvolk wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Schließlich hatte Jesus auch nie sechs Richtige im Lotto gehabt. Das war zumindest ein kleiner Trost. Übrigens gab es später auch beim ZDF ein Wort zum Sonntag. Es wurde von Peter Hahne in Form einer Nachrichtensendung verbreitet.

Männer wie Ottheinrich Knödler gibt es heute leider nicht mehr. Wo sollten sie auch hin? Das Wort zum Sonntag wird nun von blassen, medientauglichen Theologen gesprochen, die auf solch langweilige Namen wie »Dr. Wolfgang Beck« und »Anette Behnken« hören. Wie sagt man so schön: Der Name ist Programm.

Schuld sind natürlich mal wieder die Eltern. Mit Namen wie Dankward, Auguste, Hitlerike, Chlodwig, Gisbert, Irmtraud, Adolar oder noch besser Fürchtegott hätte aus den erwähnten Theologen durchaus etwas werden können. Aber so? Viel zu oft vergisst man: Der richtige Name ist wichtig! Hellmuth Karasek konnte praktisch nur als Literaturkritiker enden. Als Helmut Karasek hätte er es höchstens zum SPD-Ortsbürgermeister von Hamburg-Eimsbüttel gebracht.

Bei mir entschieden sich meine Eltern für Karsten mit K. Eigentlich sollte ich ein Michael werden, aber da ist die Nachbarsfamilie meinen Eltern leider zuvorgekommen – und man will ja originell sein. Da ein Umzug zu teuer gewesen wäre, entschied man sich zur pränatalen Namensänderung. Ich frage mich oft (eigentlich noch öfter als »was wohl aus Ottheinrich Knödler geworden ist«), wie mein Leben als Michael wohl verlaufen wäre.

In meiner Grundschulklasse gab es gleich mehrere Michaels, mit denen ich mich hätte verbrüdern können. In einer Schule, die vorwiegend von Bernds, Jörgs und Dirks bevölkert wurde, war ein Karsten mit K natürlich ein unbequemer Abweichler. Da blieb nur die Flucht in die Zeichnerei, während ich als Carsten mit C heute sicher ein Leben als Sozialpädagoge oder C&A-Hemdenverkäufer fristen würde.

Aber ich will mich nicht beschweren: Mit einem Namen wie Ottheinrich wäre einem wahrscheinlich nichts anderes übrig geblieben, als Drummer in einer Punkband zu werden. Da Ottheinrich Knödler 1931 geboren wurde, war es für die ganz große Punkrock-Karriere ein wenig zu spät. Doch immerhin erhielt er für seine zahlreichen Samstagspredigten die Bundesverdienstmedaille, so las ich heute. Beim Fernsehen landete der ehemalige Schuldekan nur »aus Spaß«. Gestorben ist er im letzten Jahr – doch sein Geist lebt weiter. Denn nie wurde in den Medien so viel geknödelt wie heute.

Endstation Sofa

 

ImageDer erste Eindruck ist oft der entscheidende. Mein erster Eindruck von der Welt der Malerei war ein Alpenpanorama, das bei meinen Eltern über dem Sofa hing. Bei meinen Großeltern sah man ein ähnliches Bild, welches sogar einen röhrenden Hirsch bieten konnte. Meine andere Oma hatte dagegen Drucke von Margaret Keane im Flur hängen. Ich erinnere mich besonders an ein glubschäugiges Kind mit einer Blume in der Hand.

Etwas gehobener ging es beim Zahnarzt meiner Mutter zu, dessen Wartezimmer-Wände impressionistisch angehauchte Venedigimpressionen zierten. Der Clou war aber ein Ölgemälde, das über dem Ehebett meiner Tante Elfriede hing: ein Engel, der in sturmgepeitschter Nacht zwei Kinder über eine Brücke geleitet. Kein Wunder, dass sie nie Nachwuchs hatte. Auch ich hatte Alpträume, wenn ich auf Familienfesten in diesem Bett schlafen musste.

Alpine Bergpanoramen kamen zum Glück irgendwann aus der Mode. Später besuchte ich einen Freund, der alle Altenheime der Region abklapperte, um solche Ölschinken zu ergattern. Eines seiner Zimmer war vom Boden bis zur Decke komplett mit der Flora und Fauna der heimischen Bergwelt bedeckt. In dieser Massivität wirkte so etwas schon wieder beeindruckend. Über die ästhetischen Irrungen und Wirrungen meiner Sippe konnte ich nur lachen. An meinen Wänden fristen ausschließlich alte Filmplakate, die ich mit Tesa befestigte, ihr Gnadenbrot: Star Wars, Godzilla und ähnliche cineastische Leckerbissen.

Später traf ich immer wieder Menschen, die ihre Kunst direkt im Möbelhaus kauften – passend zum Sofabezug. Was dort hing, war ihnen irgendwie egal. Nur geschmackvoll sollte es sein. Was bedeutet: möglichst neutral und langweilig. Man will ja schließlich niemanden aufregen. Kaufhauskunst nennt man das wohl. Im Grunde ist es die Fortsetzung der Wohnzimmertapete mit gehobenen Mitteln. So tragen wir unser eigenes Kunstverständnis tagtäglich auf unseren Wänden zur Schau.

Pech für alle Künstler, die Verstörendes auf die Leinwand bringen. Vor ein paar Jahren malte einer meiner Freunde eine ganze Serie sogenannter »Cum Shots«. Zuerst vermutete ich, es handele sich um Frauen, die unter der Dusche stehen. Dann erkannte ich, dass es sich um eine andere Flüssigkeit als Duschgel handelt. So ein Bild hätte ich gern in meiner Wohnung. Wenn ich eine Party geben würde, wäre für jede Menge Konversation gesorgt. Zudem wäre es schön, alle Menschen zu schockieren, die sich von avantgardistischen Motiven brüskiert fühlen. Kunst sollte schließlich aufrütteln, nicht einschläfern. Eine meiner Verflossenen sagte einst: »Das schlimmste Verbrechen, das man begehen kann, ist mich zu langweilen«. Recht hat sie. Dass sie es sagte, bevor sie ihren Kram packte und mich verließ, ist natürlich eine andere Geschichte.

Zuerst dachte ich, mein Freund würde mit diesen »Cum Shots« den großen Durchbruch schaffen. Doch dem war leider nicht so. Die breite Masse mag lieber Drucke alter Meister, antike Fotos von Bauarbeitern, die in höchsten Höhen auf Stahlträgern frühstücken, Fotos von Sonnenuntergängen, Babys oder noch besser: Katzenbabys. Die Romantiker unter uns hängen sich Bildnisse von Einhörnern, Wasserfällen und schillernden Regenbögen übers Sofa. Weil der Blick von dort aus sowieso meist Richtung Fernseher schweift, ist das nicht weiter tragisch.

Auch ich habe Kaufhauskunst in meiner Wohnung. In meiner Küche, dem Raum also, in dem ich mich am wenigsten aufhalte, hängen zwei Bilder aus dem Hause Ikea. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, die – höchst geschmackvollen – Fotos, die sich in den Rahmen befinden, auszutauschen. Und ich liebe die entsetzten Blicke meiner unangepassten Freunde, wenn sie meine Küche betreten.

Die Toten

 

ImageVor ein paar Tagen ist die alte Frau Warnitzky vom Nachbarhaus gestorben. Obwohl ich ihr oft »Guten Tag« sagte und wir im Laufe der Jahre sogar einige Worte wechselten (meist über den schlimmen Zustand des Müllcontainers), hat mich ihr Ableben keine Sekunde lang beschäftigt. Ganz wie bei »Spreewaldgurke« Achim Mentzel, »Grizzly Adams« Dan Haggerty oder »Die Hard«-Bösewicht Alan Rickman. Auch beim Ableben von Maurice White, dem Gründer der Band »Earth, Wind and Fire« und des Astronauten Edgar Mitchell kam keine echte Trauer auf. Auch wenn es hart klingt: Es gibt einfach Menschen, die einem egal sind.

Als vor ein paar Wochen David Bowie starb, war das schon etwas Anderes. Obwohl Bowie und ich nie über Müllcontainer gesprochen hatten (wenn ich recht überlege, war unsere Beziehung stets etwas einseitig), war er durch seine Musik irgendwie Teil meines Lebens geworden. Und das obwohl ich ihn im Gegensatz zu Frau Warnitzky nie getroffen habe! Auch Roger Willemsen konnte dies von sich behaupten. Zuerst begegnete mir der junge Herr Willemsen in seiner Sendung »0137« auf Premiere, doch es war keine Liebe auf den ersten Blick. Trotz aller Ironie wirkte er auf mich wie ein weiterer televisionärer Krawattenheini ohne Ecken und Kanten – nur mit wesentlich mehr Bildung, die er auch gern zur Schau stellte.

Dieses vorgefertigte Bild wurde gründlich erschüttert, als er ein paar Jahre später in seiner Nachfolgesendung »Willemsens Woche« den damaligen Focus-Chefredakteur Helmut Markwort vor laufender Kamera in den verbalen Schwitzkasten nahm. Der zunächst jovial grinsende Markwort, ganz auf eine kuschelige Plauderstunde eingerichtet, wurde unerwartet von seinem Gastgeber bis zur Schmerzgrenze in die Enge getrieben. »Sie sollten sich was schämen«, schimpfte sein nächster Talk-Gast Inge Meysel empört.

Das Interview hatte Folgen. Willemsen wurde abgemahnt und die Sendung landete im Giftschrank des Senders. Kurz: Es war eine Sternstunde des deutschen Fernsehens. Danach kehrte er zum harmlosen Schmuse-Talk zurück. Allerdings etwas halbherziger als vorher, wie mir schien.

In den kommenden Jahren besuchte ich eine seiner Lesungen und eine weitere Veranstaltung, auf der er seine Lieblingsplatten präsentierte, und ich sah ihn fast regelmäßig auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Meist in Begleitung einer attraktiven Dame, die aufmerksam seinem Redefluss lauschte.

Auch von seinen Büchern stehen einige in meinem Regal. Sein Essay über den ebenfalls von uns gegangenen Hellmuth Karasek (Titel: »Der Kulturbeutel«) gehörte zu den komischsten und zugleich brutalsten, was ich auf dem Gebiet öffentlicher Hinrichtungen lesen durfte. Die Mischung aus Intelligenz und Witz hat bei uns noch immer Seltenheitswert. Kein Wunder, dass mir der Autor Willemsen stets besser gefiel als die Fernsehpersönlichkeit.

Einmal erhielt ich sogar die Chance, ein paar Worte mit dem Mann zu wechseln. Zum Glück kam etwas dazwischen. Denn was hätte ich ihm sagen sollen? Vielleicht: »Gut gemacht!« Oder: »Nur weiter so!« Wahrscheinlich das gleiche, was ich David Bowie gesagt hätte.

Nun ist Roger Willemsen tot und alle sind traurig. Und ich bin überrascht, wie traurig uns die Tatsache seines Ablebens macht, auch wenn uns der Tod unserer Nachbarn relativ am Arsch vorbei geht. Vielleicht weil vermeintlich Fremde manchmal unsere Seele berühren, während wir mit dem Nachbarn nur über Müll reden.

Ist Goetterspeise Blasphemie?

 

ImageEines Tages stand der Pfarrer bei meinen Eltern vor der Tür. Er frage sich, erzählte er meinen Erzeugern, wieso ich nicht zum Konfirmandenunterricht erscheine. »Weil ich nicht an Gott glaube«, antwortete ich blitzschnell. Diese Offenheit schien ihn zu verwirren. Ohne weitere Diskussionen zog der wackere Gottesmann weiter. »Keine Angst, der Junge wird auch noch erwachsen«, tröstete er meine Eltern zum Abschied. Zu meinem Unglück sollte er recht behalten.

Dabei fand ich die Geschichten aus der Bibel eigentlich prima. Vor allem Bibelverfilmungen hatten es mir angetan. Sie strotzten nur so vor krausen Ideen, Gewalt und billigen Special Effects. Quentin Tarantino hätte es nicht besser machen können. Doch auch andere Religionen fand ich spannend.

Zum Beispiel Scientology: Wer die oberste Stufe erreicht hat, ist immun gegen Atomstrahlen und kann sogar mit Tieren sprechen. Sagt man. Eingefleischte Scientologen glauben angeblich an Xenu, einen fiesen galaktischen Herrscher, dessen 75 Millionen Jahre zurückliegende Taten das heutige Leben auf der Erde maßgeblich beeinflussen. Mit der Hilfe von Psychiatern(!) soll er Millionen von Menschen unter dem Vorwand einer »Einkommensteuer-Inspektion« vorgeladen haben, um sie mit Injektionen von Alkohol und Glykol zu lähmen. Und das ist nur der Anfang der Geschichte!

Schriftsteller Harlan Ellison erzählt gern, dass er damals zugegen war, als sein Kollege L. Ron Hubbard verkündete, er habe es satt, für einen Hungerlohn Science Fiction zu schreiben. »Dann gründe doch einfach eine Religion«, riet ihm einer seiner Freunde im Scherz. Hubbard gefiel die Idee. Der Rest ist (Glaubens-)Geschichte.

Die Mormonen haben es da besser. Kontroversen gibt es bei ihnen kaum. Nach mormonischer Überlieferung hat der Prophet Joseph Smith jr. das Buch Mormon 1827 von goldenen Platten, die er in den Hügeln Cumorah fand, übersetzt. Gesehen hat diese Platten außer ihm allerdings niemand. Seine frohe Botschaft von Gott hörte sich so schön an, dass Smith schnell Anhänger fand. Auch wenn sich vieles im Buch Mormon höchst absurd anhört: 15 Millionen Gläubige können sich nicht irren. Oder doch?

Eine andere beliebte Religion vertritt die wahnwitzige Theorie, unser Planet sei innerhalb einer Woche entstanden und Frauen entstammen einer Rippe, die dem Manne entnommen wurde, während dieser kurz eindöste. »Samenraub« kennen wir dank Boris Becker zum Glück. Aber »Rippen-Klau«? Ferner stamme die gesamte Weltbevölkerung von einem einzelnen Paar ab. Dass Inzest zu Schwachsinn führt, ist ja hinlänglich bekannt. Zumindest haben wir so wenigstens eine gute Ausrede, wenn die Menschheit mal wieder Mist baut.

Die Weltreligionen wimmeln von Absurditäten dieser Art. Selbst »Perry Rhodan« macht mehr Sinn. Nicht wenigen Gläubigen sind die albernen Aspekte ihrer Religion etwas peinlich. Einige Scientologen versuchen daher die Science-Fiction-Motive ihres Glaubens herunterzuspielen. Progressive Christen behaupten schon seit Jahrzehnten, bei der Schöpfungsgeschichte handle es sich lediglich um ein Gleichnis. Doch keiner von ihnen kann so recht erklären, wieso ausgerechnet ein Haufen alternder männlicher Jungfrauen in der Lage sein soll »Gottes Stellvertreter auf Erden« zu wählen.

Diese Religion! Irgendwie scheint der Mensch nicht ohne sie existieren zu können. Allein die Vorstellung, dass unser Leben eines Tages einfach vorbei ist, scheint für die Mehrheit unerträglich zu sein. Daher bieten die meisten Religionen ein Leben nach dem Tod, ein schönes gemütliches Paradies (mit oder ohne 72 Jungfrauen), unsterbliche Seelen oder Reinkarnation an. Da macht das Sterben doch gleich mehr Spaß.

Vielleicht ist es auch die Macht der Gewohnheit. Religion ist etwas, das man von seinen Eltern übernimmt; wie den ganzen Tag im Jogginganzug vor dem Fernseher zu hocken, abgeschnittene Fußnägel in Bierdosen zu stecken oder andere unschöne Angewohnheiten. Man denkt einfach nicht darüber nach. Man denkt ja auch nicht darüber nach, wieso Donald Duck keine Hose trägt und trotzdem nie verhaftet wird.

Dass der Glaube eine sehr persönliche Sache ist und jeder nach seiner eignen Façon selig werden soll ist zwar in der Theorie eine gute Idee, doch die Praxis sieht leider anders aus. Viele Gläubige treibt ein geradezu missionarischer Eifer in die Fußgängerzonen, um dort ihre diversen Flugblätter an den Mann (bzw. an die Frau) zu bringen. Es reicht eben nicht, dass man »seinen« Gott gefunden hat. Alle anderen sollen ihn gefälligst ebenfalls anbeten. Falls sie das jedoch verweigern, sprengt man sie notfalls in die Luft. Wenn man selbst dabei draufgeht, dann ist das nicht weiter tragisch, denn im Paradies lebt es sich ohnehin komfortabler als in einer engen Sozialwohnung. Für einige männliche Singles ist das Paradies zudem die einzige Möglichkeit ein paar willige Jungfrauen kennenzulernen. Apropos Jungfrauen: Frauen haben in den meisten Glaubensrichtungen am wenigsten zu lachen. Warum gerade sie zu den größten Fürsprechern der Religion zählen, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Ein anderer Grund, wieso Religionen so beliebt sind, hat mit der Eigenverantwortung zu tun, die einem die Kirche abnimmt. Gott verzeiht schließlich alles. So braucht man nicht aus seinen Fehlern zu lernen, sondern muss einfach nur ganz viel beten.

Karl Marx behauptete einmal, Religion sei Opium fürs Volk. Dennoch hat die Religion wesentlich mehr Menschenleben gekostet als alle Opiumhöhlen dieser Welt zusammengerechnet. Einige werden jetzt vielleicht einwenden, dass die Religion auch Gutes bewirkt hat. Das stimmt: Zum Beispiel haben viele Pädophile dank der Kirche ein Dach über dem Kopf. Selbst im Internet trifft man auf Gott, denn »God« hat sogar eine eigene Fanseite bei Facebook – und zwar als »Comedian«. 2.263.404 Menschen scheint er zu gefallen. Das hört sich zunächst nach sehr viel an, doch wenn man bedenkt, dass Arnold Schwarzeneggers Fanseite mit 14.127.256 Anhängern aufwarten kann, kommt man nicht umhin, sich Sorgen zu machen.

Übrigens verlor ich irgendwann das Interesse an den Bibelverfilmungen. Der Pfarrer hatte recht: Ich wurde erwachsen und begann mich für die Realität zu interessieren, statt in Fantasiewelten zu flüchten. Inzwischen ist mein Desinteresse in eine regelrechte Abneigung umgeschlagen. Noch nie waren mir Gott und sein Fanclub so unsympathisch wie heute. Besonders ein Jahr nach dem Attentat auf »Charlie Hebdo«. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass wir Europäer gegenwärtig den islamistischen Terror fürchten wie früher Beelzebub. Zu Zeiten der Kreuzzüge mussten sich die Moslems vor den Christen fürchten – ein anderer Beweis dafür, dass sich die Geschichte immer kreisförmig bewegt.

Es ist schon merkwürdig, wie ein paar jahrhundertealte Schriften die Menschheit noch immer spalten: in Kirchensteuerpflichtige und Atheisten. Nur bringen die Atheisten Andersgläubige nicht um.